Presse: Von Wuppertalern, die auszogen um den Faschismus zu stoppen.

Im folgenden ein WZ Artikel über Wuppertaler Widerstandskämpfer_innen in Spanien.

Vor 75 Jahren zogen 40 Wuppertaler in den Spanischen Bürgerkrieg. Sie wollten den in Deutschland bereits verlorenen Kampf gegen die Nazis nachholen. Für einige war es der Beginn einer großen politischen Karriere.

Die Ankunft in Spanien ist Helmut Kirschey ewig im Gedächtnis geblieben. Als er am 28. Juli 1936 nach einer wochenlangen Reise an der Grenze ankommt, ist er überwältigt. Hunderte Menschen stehen dort in ihrer Arbeitskleidung, haben Gewehre auf dem Rücken und empfangen die Freiwilligen. Sie jubeln und klatschen, umarmen und küssen die Neuankömmlinge.

Endlich, denkt sich der Elberfelder Kirschey, endlich ist er dort angekommen, wo er gegen den Faschismus kämpfen kann, der sich gerade rasend schnell in Europa ausbreitet. Deutschland, Italien und Portugal sind bereits unter der Herrschaft der Rassisten, doch in Spanien kämpfen die Arbeiter bewaffnet gegen den Militärputsch des faschistischen Generals Franco.

Als Kirschey und Fritz Benner die jubelnden Massen an der Grenze sehen, „fingen wir aus Begeisterung an zu weinen. Und das erste, an was wir dachten: So hätten wir es in Deutschland machen müssen“, hat Kirschey die damaligen Bilder auch noch 1989 im Kopf, als er mit dem Dokumentarfilmer Volker Hoffmann für die Dreharbeiten zum Film „A las Barricadas“ an die Orte zurückkehrt, an denen er gut 50 Jahre zuvor im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte.

Zweieinhalb Jahre lang lebte Kirschey illegal in den Niederlanden

So freudig Kirschey vom Empfang der Genossen erzählt, so wenig verklärt er die Kampfhandlungen. Auch Jahre danach sieht er den Krieg nur als Mittel gegen die Faschisten, nie als gewaltverherrlichenden Selbstzweck. Doch als die Meldungen vom Putschversuch der spanischen Faschisten gegen die demokratische Republik Anfang Juli 1936 bis zu Kirscheys niederländischem Exil vordringen, gibt es kein Abwägen. Die Anarchisten machen sich sofort auf den Weg.

Von Amsterdam aus – wo sie zuvor zweieinhalb Jahre illegal und in ständiger Angst, von den Behörden entdeckt und an die Deutschen ausgeliefert zu werden, gelebt hatten – geht es abseits der offiziellen Wege in den Süden. Heute vor 75 Jahren kommen sie in Spanien an. In den folgenden Wochen und Monaten erreichen zehntausende Freiwillige Spanien, darunter 3000 Deutsche. Allein aus Wuppertal sind es 40 Sozialdemokraten, Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten, die sich 1936 aufmachen, um den Faschismus aufzuhalten.

Interne Machtkämpfe: Republikaner waren keine homogene Einheit

Es ist eine illustre Auswahl aus dem linken Spektrum Wuppertals, die vor 75 Jahren der Traum von einer besseren, klassenlosen Gesellschaft eint. Für viele ist der Gang nach Spanien auch eine Flucht vor den Gefängnissen und Folterkellern der Nazis, die mehr als 1000 ihrer Genossen 1935 durch die weltweit beachteten Gewerkschaftsprozesse erleiden müssen. Dennoch ist die Truppe keine homogene Einheit. Der Feind ist zwar derselbe, doch die Ideologien und Hintergründe der Antifaschisten sind teilweise grundverschieden.

„Das erste, an was wir dachten: So hätten wir es in Deutschland machen müssen.“

Helmut Kirschey nach seiner Ankunft an der spanischen Grenze

Auch Kirschey und Benner geraten zwischen die inneren Fronten. In den 20er Jahren selbst Mitglied der Wuppertaler KPD orientiert sich Kirschey bereits früh um: „Die Atmosphäre in der anarchosyndikalistischen Bewegung gefiel mir ausnehmend gut. Sie war antiautoritär und das genaue Gegenteil des autoritären Geistes innerhalb der kommunistischen Bewegung, außerdem konnte man verschiedener Meinung sein und offen diskutieren, ohne deswegen als Verräter angesehen zu werden“, sagt Kirschey einmal.

Für ihn sind die Unstimmigkeiten innerhalb der Linken auch der Grund, warum der Krieg drei Jahre später mit einem strahlenden Franco auf der einen und dem Tod oder der Flucht der meisten Republikaner auf der anderen Seite endet.

Bereits im Mai 1937 kommt es zu internen Kämpfen unter den Antifaschisten in Barcelona. Die Kommunisten, vorher eine eher kleine Gruppe, werden durch die Geld- und Waffenlieferungen aus der Sowjetunion – die sich wie auf der anderen Seite Deutschland und Italien in den Krieg einmischt – immer einflussreicher. Kirschey und andere Anarchisten – Benner kann kurz vorher fliehen – werden wegen angeblichen Verrats in ein kommunistisches Gefängnis gesteckt. Als sie wieder herauskommen, ist der Krieg so gut wie verloren.

Kirschey flüchtet über Frankreich und die Niederlande nach Göteborg, wo er den Rest seines Lebens verbringt. Benner flieht ebenfalls nach Schweden, wird dort verhaftet und kommt erst 1949 nach Wuppertal zurück. Doch die geliebte Heimat hat sich verändert. „Es gelang ihm nicht mehr, in Deutschland Fuß zu fassen. 1952 kehrte er enttäuscht nach Schweden zurück“, schreibt der Historiker Dieter Nelles.

Von Spanien bis in den Machtapparat der DDR

Für andere ist der Kampf in Spanien der Beginn einer großen politischen Karriere. So wie für Friedrich Dickel. 1913 in Vohwinkel geboren, tritt er 1931 der KPD bei. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 wird er verhaftet und flieht wie so viele aus dem „roten Wuppertal“ über Frankreich in die Niederlande.

Auch Dickel folgt 1936 dem Ruf der spanischen Republikaner und wird Kompanieführer im Thälmann-Bataillon der Internationalen Brigaden – eine paramilitärische Einheit mit Freiwilligen aus 57 Ländern, in der zahlreiche Wuppertaler wie der Schriftsteller Walter Kaiser-Gorrish und der spätere Medizin-Professor Carl Coutelle aktiv sind. Dort kämpfen sie Seite an Seite mit Ernest Hemingway, George Orwell, Pablo Picasso und Ernst Busch.

Nur ein Jahr später folgt Dickel dem Ruf aus Moskau. Er arbeitet für den militärischen Nachrichtendienst der UdSSR in Finnland und China, tritt nach der Rückkehr nach Deutschland 1946 der SED bei und arbeitet sich 1963 zum DDR-Innenminister und Chef der Volkspolizei sowie der Zivilverteidigung hoch.

Auch der 1908 in Barmen geborene Artur Dorf fand sein Glück in der DDR. Der Chefredakteur der Bergischen Volksstimme und KPD-Chef in Solingen und Hagen kämpft in Spanien ebenfalls in den Internationalen Brigaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg leitet er die Polizei Brandenburg, wird Lehrstuhlleiter an der Parteihochschule Karl Marx und Vorsitzender des Zentralvorstands der DDR-Gesellschaft für Sport und Technik.

Doch die meisten Spanienkämpfer werden weder glücklich noch erfolgreich. Einige sterben im Krieg – Ernst Lau, Paul Röcker, Rudolf Schäfer und Walter Seelheim – oder werden auf der Flucht interniert oder verhaftet und landen im KZ. Ihr Krieg gegen den Faschismus begann mit der Hoffnung auf eine bessere Welt. Doch selbst nach dem Weltkrieg und dem Ende der Nazi-Herrschaft können sie sich mit dem neuen Deutschland nicht identifizieren. Sie ziehen desillusioniert in alle Welt oder sterben einsam in Wuppertal. Offiziell geehrt werden die wenigsten.